Mit großer Freude kündigt die Galerie Karsten Greve die Ausstellung Wols. Sammlung Ewald Rathke an. Die Ausstellung zeigt 15 Werke aus der jüngst erworbenen Sammlung des Frankfurter Kunsthistorikers und Kunsthändlers und würdigt damit den außerordentlichen Verdienst Ewald Rathkes für das OEuvre von Wols. Die erstmals vereint präsentierten Werke auf Papier, ausgeführt in Tusche und Aquarell, veranschaulichen die epochale Bedeutung seiner künstlerischen Arbeit bis ca. 1945.
Ewald Rathke (1926-2024) war promovierter Kunsthistoriker zur Kunst der Moderne mit einem Schwerpunkt auf Handzeichnungen, Aquarellen und Graphik.
Seine Dissertation trug den Titel Bildnistypen bei Frans Hals. Von 1959 bis 1961 leitete er zusammen mit Karl-Heinz Hering den Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf. 1961 wurde Ewald Rathke zum Direktor des Frankfurter Kunstvereins berufen und realisierte dort Ausstellungen unter anderem zu Edvard Munch, Amedeo Modigliani und Vincent Van Gogh.
Die aus heutiger Sicht wegweisende Ausstellung Wols. Gemälde, aquarelle, zeichnungen, fotos im Frankfurter Kunstverein 1966 und der dokumentarisch wichtige Katalog sind Rathkes Leitung zu verdanken. 1970 eröffnete er den Kunsthandel Ewald Rathke in Frankfurt und etablierte sich als führender Spezialist für das OEuvre von Wols, wobei seine Expertise in der Authentifizierung und Beurteilung der Werke des Künstlers bis heute maßgeblich ist.
Die 15 Werke aus der Sammlung Ewald Rathke umspannen die politisch und gesellschaftlich bewegten Jahre 1939–1945. Das Aquarell Ohne titel (Surrealistische komposition) (um 1939/40) zeigt eine Komposition aus geometrischen und organischen Formen.
Die Pastelltöne in Rosa, leichtem Blau und Orangerot evozieren das Licht und die Landschaft des Mittelmeers. Das Werk entstand während Wols‘ Internierung in verschiedenen zivilen Lagern in Südfrankreich. Die Formen und Farben vermitteln Leichtigkeit und Spiel, die an Fahnen und Girlanden erinnernden Formen verweisen auf den Gedankenkontext von Traum und Theater und zeigen Wols‘ künstlerische Verwandtschaft zum Surrealismus.
Während seiner Inhaftierung entwickelt der Künstler die Idee des Circus Wols, einem Gegenentwurf zur realen Welt in der Verbindung von Kunst, Musik und Kino. Die Kunst wird ihm und seinen künstlerischen Weggefährten zur Flucht- und Überlebensstrategie.
Für Wols kann nur das Machen, können nur Zeichnungen und Gemälde auf diese grundlegende Anforderung des Daseins antworten, auf die trostlose Endlichkeit der Geschichtlichkeit,der niemand zu entkommen vermag.
Die emporsteigende Stadtansicht in Ohne titel (1941) scheint auf die Architektur und Landschaft in Cassis bei Marseille hinzudeuten, wo Wols und seine Ehefrau Hélène Marguerite - Gréty - Dabija von 1941- 42 lebten.
Die verwobenen Linien vermitteln Verwirrung, über die Rosa- und Blautöne legen sich schwarze Schatten. Wols‘ Werke künden zunehmend von Verzweiflung und Elend, der Künstler ringt mit Armut und Alkoholismus.
Ohne titel (1944-45) gleicht einem Kopf, aus dessen oberem Ende tumorhafte Auswüchse emporsteigen. Der vermeintliche Gesichtsausdruck vermittelt Verzweiflung, Konsternation und Trauer. Die diffusen und zeitgleich gewaltigen Gebilde in Le ver blanc (um 1944/45) und Le sanglier fou (um 1945) scheinen hingegen die Atomkatastrophen des Jahres 1945 vorwegzunehmen. In den Werken Edgar Allen Poes, Antonin Artauds, und Jean-Paul Satres findet Wols literarische Entsprechungen seiner Gedanken und Gemütszustände. Die Existenzialität und eindrückliche Wirkung der entstehenden Arbeiten sind Ausdruck der Wunden der Zeit und begründen ihre Zeitlosigkeit.
Mit Wols. Sammlung Ewald Rathke würdigt die Galerie Karsten Greve das bedeutende Lebenswerk Ewald Rathkes und setzt ihr langjähriges Engagement für das OEuvre von Wols fort. Zeitgleich zur Ausstellung Wols in der Galerie Karsten Greve AG St. Moritz führt die Galerie ihre Reihe von Ausstellungen und Publikationen über den Künstler konsequent weiter. Karsten Greve und die Galerie Karsten Greve danken dem Nachlass Dr. Ewald Rathkes.
Alfred Otto Wolfgang Schulze, genannt Wols, wird 1913 in Berlin in eine Familie hoher Beamter geboren. Nach Umzug nach Dresden lernt Wols viele bedeutende Künstler kennen, z.B. Paul Klee, Otto Dix und Oskar Kokoschka. 1932 kommt Wols nach Paris und frequentiert bedeutende Künstlerzirkel. Nach dem Eintritt Frankreichs in den zweiten Weltkrieg wird er zum feindlichen Ausländer erklärt und von 1939 – 1940 zusammen mit anderen Künstlern und Intellektuellen, darunter Hans Bellmer und Max Ernst, in verschiedenen zivilen Internierungslagern in Frankreich inhaftiert. Ungeachtet der widrigen Umstände schafft Wols in dieser Zeit brillante Zeichnungen und Aquarelle. Von zahlreichen Pariser Künstlern und Schriftstellern verteidigt, bleibt Wols während des Krieges in Frankreich, und entwickelte sein künstlerisches Werk bis zu seinem Tod am 1. September 1951 im Alter von 38 Jahren. Eine Ausstellung im Jahr 1951 zeigt seine Werke gemeinsam mit jenen Jackson Pollocks, was eine historische Begegnung zwischen der französischen und der amerikanischen nicht-figurativen Schule markiert. 1958 wird sein Werk auf der Biennale in Venedig und 1964 auf der documenta in Kassel gezeigt. 1974 widmet ihm das Musée d'Art Moderne de Paris eine Retrospektive, 1989 folgen das Kunsthaus Zürich und die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, später die Menil Collection in Houston (2013) und das Centre Pompidou in Paris (2020). Seine Werke befinden sich in den weltweit bedeutendsten Sammlungen, wie dem MoMA und dem MET in New York, der Menil Collection in Houston, dem Art Institute in Chicago, Tate London, der Nationalgalerie in Berlin, dem Kunstmuseum Basel und dem Centre Pompidou in Paris.